Die Julius Blüthner Pianofortefabrik baut seit knapp 160 Jahren hochwertige Klaviere und Flügel in Sachsen. Der Klavierhersteller blickt auf eine erfolgreiche Geschichte zurück. Gab es noch vor 100 Jahren mehr als 700 Klavierfabriken in Deutschland, sind es 2012 nur noch 14. Das akustische Pianoforte, das vor genau 314 Jahren von Bartolomeo Cristofori erfunden wurde, ist ein Instrument, das eigentlich seit mehr als 100 Jahren als völlig auskonstruiert gilt. Es gibt im Prinzip nichts zu verbessern. Der geschäftsführende Gesellschafter Christian Blüthner-Haessler, der gemeinsam mit seinem Bruder Knut die Traditionsfirma leitet, schaut nun in die Zukunft und wagt mit einem Tabu zu brechen. Das Familienunternehmen will erstmals elektronische Klaviere unter der Traditionsmarke "Blüthner" anbieten. Das neue Instrument soll eine Soundentwicklung, die dem eines akustischen Instruments extrem nahe kommt, haben. Das "e-klavier®" mit dem renommierten Namen "Blüthner" will sich dabei von der übermächtigen asiatischen Konkurrenz deutlich absetzen.
Blüthner e-K1
Es ist bekannt, daß Digitalklaviere für andere Käuferschichten interessant sind, als akustische Klaviere. Elektronische Pianos sind billiger, benötigen keine Stimmung, Regulierung oder Intonierung und stellen keine Anforderungen an Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Da ihre Lautstärke stufenlos regelbar ist, können sie problemlos in hellhörigen Wohnungen gespielt werden. Sie sind sogar serienmässig mit Kopfhörer ausgerüstet. Ein Blüthner-Flügel kostet beispielweise um die 60.000 Euro, ein Digitalklavier ist schon für etwa 2.000 Euro zu haben. Höherwertigere Luxus-Exemplare mit umfangreicher Ausstattung sind bei Preisen um 10.000 Euro angesiedelt.
Dass Digitalklaviere auf dem Markt angekommen sind, zeigen eindrucksvoll die Verkaufszahlen. Es werden weltweit fünfmal mehr e-Klaviere als neue akustische Instrumente verkauft, Tendenz weiter steigend. Der Markt für Digitalklaviere wird seit Jahren von Yamaha, Roland, Kawai, Casio, Kurzweil und Korg beherrscht. Diese Hersteller bringen mittlerweile sehr ausgereifte Digitalklaviere auf den Weltmarkt. Selbstverständlich kommen dabei diese Instrumente nicht aus Japan oder Korea, sondern aus anderen asiatischen Niedriglohnländern. Christian Blüthner-Haessler bestätigte uns, dass das e-klavier® in Deutschland gebaut wird. Eigens zur Sicherstellung höchster Qualitätsstandards wurden zusätzliche 600 m² Produktionsfläche im Leipziger Stammwerk geschaffen. Geschultes Personal baut seitdem ca. 50 e-klaviere pro Woche. Die Produktionskapazitäten belaufen sich derzeit auf ca. 120 Stück pro Woche und werden nach erfolgreicher Personalentwicklung bald erreicht.
e-klaviere® von Blüthner haben nichts mit asiatischen Produkten gemein, betont der Geschäftsführer. Die Entwicklung dieser neuen Instrumente wurde ausschließlich in Europa betrieben, versichert Christian Blüthner-Haessler. Die besten Entwickler der Branche wurden in einem leistungsstarken Team zusammengeführt, deren Leitung Michael Baron-Bixler als Produktmanager übernahm. Ziel der Entwicklung war es, ein eigenständiges, von asiatischen Zulieferern unabhängiges Digital-Instrument zu entwickeln und die Produktion digitaler Instrumente wieder in Deutschland zu etablieren. Blüthner ist das einzige Unternehmen, welches digitale Klaviere in Deutschland baut. Es wird interessant zu beobachten sein, ob dieses Beispiel Schule in der Industrie macht und demnächst Schimmel, Bechstein und Konsorten auch in diesen High-Tech- und Zukunftsmarkt stoßen werden. Es ist die Frage, ob Blüthner die richtige Marketing-Strategie entwickelt, um die Käufer dazu zu bewegen, die e-Klaviere® aus Deutschland zu kaufen. Sollte es gelingen, würde es sicherlich das Traditionsunternehmen finanziell stärken und das Überleben der Leipziger Firma in einem sehr schwierigen Marktumfeld langfristig absichern.
